Das Ende der neoliberalen Mythen-Wirtschaft
Die momentane weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat mit brutaler Deutlichkeit aufgezeigt, dass die neoliberale Wirtschafts- und Politikordnung kein brauchbares Konzept ist, sondern dass sie fast nur auf Mythen aufgebaut war. Diese sind nun, genau 30 Jahre nach dem Amtsantritt von Margaret Thatcher, nachhaltig zerstört.
Der wenig regulierte und sich selbst kontrollierende Finanzmarkt hat das Entstehen der schlimmsten Blase seit Jahrzehnten weder erkannt noch verhindert und auch nicht gut auf das Platzen reagiert. Banken und Rückversicherungen sind untergegangen oder brauchten Staatshilfe in ungeahnter Höhe.
In der Krise rufen die Unternehmen nach dem Staat. Die Steuerzahlenden müssen für die Fehler der Versager in den Chefetagen gerade stehen. Viele Betriebe, insbesondere Bankinstitute haben nur dank massiver Finanzspritzen aus den Staatskassen überlebt. Wer „too big to fail“ ist, wird gerettet – oder er verstärkt die Krise, wie im Fall der US-Investmentbank Lehman Brothers.
Wären in den unverschämt bezahlten Unternehmensleitungen die Besten gewesen, so hätten sie die Krise durch weniger Gier, mehr Vorsicht und Bescheidenheit nicht herbeigeführt. Sie hätten Kritiker und Kritikerinnen nicht totgeschwiegen oder entlasten, sie hätten die Unabhängigkeit und die Kompetenzen der für das interne Controlling Zuständigen gefördert, und sie hätten mit ihnen zusammen nachgedacht und das Steuer herumgerissen.
Aus Geld wird nicht einfach Geld. Es müssen echte Werte geschaffen werden, durch Hand- und Kopfarbeit, in der Realwirtschaft, in den produzierenden Betrieben, bei den Dienstleistungen, nicht in der intransparenten Surrealwirtschaft von Börsenspielern, Finanzvehikel-Erfindern und Casino-Kapitalisten. Es gibt auch im Finanzbereich kein Perpetuum mobile. Für jeden Gewinn muss irgendwann jemand bezahlen. Es ist unerträglich, dass nun die kleinen Leute bei uns, aber auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern diesen Preis bezahlen müssen.
Die Schuldenwirtschaft der USA lässt weltweit alle
bezahlen. Sie vernichtet weltweit Arbeitsplätze.
Die Situation in der Schweiz
Mit den beiden Grossbanken UBS und CS hat die
Schweiz zwei weltweit agierende Unternehmen, die
gleich zu Beginn der Finanzkrise in grosse Bedrängnis
kamen, als andere Banken noch weit weg von
finanziellen Engpässen standen. Vor allem die UBS
hatte sehr viel Geld in den sog. Subprimes und musste
2007/2008 rund 59 Mrd. CHF (40 Mrd. Euro) abschreiben.
Die CS war mit rund 3 Mrd. US-Dollar im
Subprime-Geschäft gewesen. Der Schweizer Rückversicherer
Swiss Re, der weltweit grösste seiner
Branche, musste allein im Okt. 2007 1.2 Mrd. CHF
abschreiben, da ein Kunde im Subprime-Geschäft
engagiert gewesen war.
Im Oktober 2008 musste der Schweizer Staat der
UBS ein Darlehen von 6 Mrd. CHF zur Verfügung
stellen und für rund 60 Mrd. CHF sog. toxische Papiere
übernehmen. Das Engagement kostet pro Kopf der Schweizer Bevölkerung fast 10‘000 CHF oder
gut 6000 Euro. Die CS kam bis heute ohne staatliche
Hilfe durch die Finanzkrise, aber mit Verlusten in
Mrd.-Höhe.
Das Vertrauen der Anleger in die beiden Grossbanken
war und ist teilweise immer noch erschüttert. Der UBS wurden verwaltete Gelder in Mrd.-Höhe entzogen,
2008 insgesamt 226 Mrd. CHF, während ihr ein
Jahr zuvor noch 141 Mrd. CHF zugeflossen waren.
Der CS waren 2008 3 Mrd. CHF abgeflossen. Dagegen
wurden die Kantonalbanken, die Raiffeisenbank
und PostFinance mit neuen Kundengeldern regelrecht
überschwemmt.
Nach der Krise des Schweizer Finanzplatzes, der eine
wichtige Säule der Schweizer Wirtschaft ist (2006:
13% Steuereinnahmen, 11% BIP, rund 120‘000 Banken-
Arbeitsplätze, davon 30‘000 in der Vermögensverwaltung),
traf die Krise auch den Werkplatz
Schweiz. Die Schweiz ist ein Exportland und damit
von den wirtschaftlichen Verhältnissen in der EU, in
den USA, aber auch in China, Japan oder Indien
abhängig. Der Investitionsstopp in vielen unserer
Exportländer schlägt direkt auf unsere Industrie
durch. Gerade hier im Raum Bodensee gibt es z.b.
viele Autozubehörfirmen, die die Flaute der Autobranche
in Deutschland oder in den USA sofort zu
spüren bekamen. Bis vor kurzem hat der noch gute
Binnenkonsum unserer Wirtschaft geholfen. Doch die
Konsumentenstimmung wird zunehmend schlechter,
so dass nun auch die Binnenwirtschaft in Schwierigkeiten
kommt. Zudem stellen gewisse Firmen fest,
dass es schwieriger wurde, Kredite zu bekommen
oder das sich die Kriterien für Kredite verschärft
haben.
Die Kurzarbeit nimmt seit dem Winter stetig zu,
zurzeit sind es etwa 1500 Betriebe mit rund 30‘000
betroffenen Beschäftigten. Die Arbeitslosenquote
steigt und beträgt momentan 3.5% oder 1/3 mehr als
vor einem Jahr. Die Prognose für 2010 ist 5.2%, was
rund 200‘000 Menschen ohne Arbeit entspricht.
Dass durch die Finanzknappheit in anderen Ländern,
insbesondere aber in der EU und in den USA das
Schweizer Bankgeheimnis mit seiner auch für mich
unverständlichen Unterscheidung von Steuerhinterziehung
und Steuerbetrug unter Druck kam, ist ein
unbequemer Nebeneffekt. Für mich und die SP
Schweiz ist klar, dass ein zukunftsfähiger Finanzmarkt
nicht auf an der Steuer vorbei geschmuggeltem
Schwarzgeld basieren kann. Leider lenkt die Diskussion
um die Wortwahl von Peer Steinbrück die Sicht
in der Schweiz vom eigentlichen Problem ab – und
auch vom absolut unprofessionellen Verhalten unserer
beiden Grossbanken im Bezug auf die Verbriefung
von Hypotheken in den USA. Die Schweiz muss
nun rasch handeln und das abgegebene Versprechen
in Sachen Bankgeheimnis und Doppelbesteuerungsabkommen
einlösen, damit das Vertrauen in unseren
Staat und in unsere Bankinstitute wieder hergestellt
wird.
Es darf nicht sein, dass kleine Leute wie Ursula und Peter (die beliebtesten deutschen Vornamen seit 1890) bezahlen müssen für die Fehler einiger CEO’s. Daher sind die Politikerinnen und Politiker zum Handeln aufgefordert.
International:
Rede von Hildegard Fässler, Nationalrätin, CH-Grabs bei der SBI-Frühjahrstagung in Lindau am 23. Mai 2009 zum Thema
„Finanzkrise in Europa“