Liebi neui Kolleginne und Kollege
Sehr geehrti Dame und Herre
En Lebensweg cha dur vill Sache beiflusst und prägt werde. Ei Sach, wo mich ständig begleitet, möcht i minere hütige Red z Grund lege. Es isch d Uhrzyt, es sind Termin i Stunde- und Minuteagobe, wo mis Läbe starch strukturiered und em au es zimlich engs Korsett aleged. I ha zwor erscht uf d Konfirmation e Uhr übercho, obwohl i si scho sit em erschte Chindergartejor kennt ha. E Lebe ohni Uhr chan i mir im Moment ned vorstelle, aber es isch en Grund, ned z lang z warte mit de Pensionierig.
I ha minere Red de Titel gä «Glegeheite bim Schopf packe!». Do druf möchte i e paar Mol zrede cho.
Wo n i im Januar en Brief vom Direktor Armin Kuratle übercho ha mit de Afrog für d Asproch bi de Patentfir 2003, do han i mi sehr gfreut. I ha mi gfreut, dass er für so öppis a mi denkt hät, i ha mi aber au gfreut drüber, dass i bi dem Alass wieder emol is Semi reise cha. Und wies ebe so mini Art isch, han i die Glegeheit bim Schopf packt und churzerhand zuegseit, obwohl grad uf s Datum vom 27.6. no mindestens zwei anderi wichtige Sache agsetzt gsi sind.
Und so ston i jetzt do, mit e chli Herzchlopfe und em feschte Wile, Ihne liebi Hauptpersone vo dere Fir, liebe jungi Lehrerinne und Lehrer, möglichst kei wenn au guet gmeinti Rotschläg z ge, Si ned über zlang zum Zuelose z zwinge und Si au möglichst ned z langwile. Und wel da jo ned es so eifach isch, han i tatsächlich e chli e troches Mul und en liecht erhöhte Puls.
A die Uhrzyt erinneri mi no sehr guet. Denn isch amel z Steckbore de Zug Richtig Krüzlinge abgfahre. Vier Johr lang isch s mir glunge, de Zug z verwütsche und so rechtzitig is Semi z cho. Jo, wa heisst scho «rechtzitig»! Vill z früe sind mir Meitli oder Bese vom Undersee im Semi acho, nämlich zimli gnau denn, wenn d Boye vom Konvikt gmütlich zum Zmorge gschlendert sind. Für üs wiblichi Wese häts jo kein Platz im Konvikt gha, en Nochteil bezüglich em Schuelweg, i andere Sache sicher en Vorteil. Immerhin hät do de Konviktfüerer Ernst Mühlemann gheisse, en Ma mit militärische Gwohnheite. Die Unglichbehandlig vo de beide Gschlechter hät mi scho früe sensibilisiert für Ungrechtigkeite i de Gsellschaft und isch mit en Uslöser gsi defür, dass ich mich für Politik agfange ha interessiere.
Siebni isch e wichtige Uhrzyt währed de Session in Bern. Eigentlich fanged d Sitzige am Achti a. Aber i de drü Wuche Session han i mindestens drü bis viermol scho am Siebni e Sitzig. Da sind meischtens Differenzbereinigunge oder Sitzige vo de Einigungskonferenz. Wenn de National- und de Ständerot e Gschäft je eimol berote händ und denn i eim oder mehrere Pünkt underschiedlichi Bschlüss gfasst händ, denn münd die zueständige Kommissione wieder a d Arbet und mönd entscheide, öb si a ihrne Bschlüss wend festhalte oder öb si em andere Rot wend nogeh. Wenn imene Gschäft noch drümoligem Hinundher zwüschet em National- und em Ständerot immer no Underschied bestönd, denn gits e Einigungskonferenz. Die bestoht us je 13 Mitglieder vo beide Röt. Die 26 mönd denn es so lang sitze, bis sie sich uf gmeinsami Beschlüss geiniget händ. Wenn da passiert isch, stiegt im Bundeshus kein wisse Rauch uf, nei, me trifft sich denn im Bundeshuskafi und hofft, dass me no Zyt für en Tee oder Kafi hät, bevor de Rotsbetrieb wieder agoht.
Wenn sich übrigens di beide Röt dem Resultat vo de Einigungskonferenz ned aschlüssed, denn wandered s Gschäft in Chübel, d.h. es blibt alles es so, wes vor de erschte Berotig gsi isch. Da isch allerdings i de letschte hundert Jor nu ein oder zweimol passiert. Mini letscht Einigungskonferenz isch vor zwei Wuche zum Thema Stürpaket 2001 gsi. Das isch das Stürsenkigspaket, wo jetzt vo verschidene Kantön bekämpft würd übers Kantonsreferendum. I ha zu dene ghört, wo leider i de Einigungskonferenz alli Aträg verlore hät.
I villne Schuele isch um die Zyt Pause. Das isch au i dene Schuele so gsi, wo n i noch em Semi underrichtet ha. Us minere Erfahrig chan i säge, Si händ sich kein liechte Pruef usgläse. Au wenn die Ussag überall bestätiget würd – grad hüt han is imene Artikel im Werdeberger & Obertoggeburger gläse, so isch d Gsellschaft im Moment ned bereit, Ihne die Arbet z erliechtere. Sparprogramm fordered grösseri Klasse, stelled weniger Mittel für d Integration vo Fremdsprochige oder Chind mit spezielle Problem bereit, kürzed Stipendie oder wend, wie im Kanton SG, Bildigsurlaub striche.
Zehni isch im mim jetzige Läbe au die Zyt, won i all Quartal emol als Fraktionschefin is noble Von Wattenwyl-Hus zu de Gspröch vom Bundesrot mit de Spitze vo de Bundesrotsparteie iglade bi. Ums grad am Afang z säge: S bescht döt isch nebed de tolle Ussicht uf d Aare und is Berner Oberland s Esse. Leider sind im Moment di politische Fronte so verhärtet, dass mir bi üsene Gspröch chum e gemeinsams Projekt chönd starte. Es isch eigentlich nur en Informations- und Meinigsustusch zu verschidene Theme wie Osterwiterig vo de EU, Sparmassnahme bim Bund, Swiss, G8 oder WEF, Sozialversicherige usw.
Villicht isch s noch de Wahle im Oktober wieder möglich, gmeinsam Problem azpacke und e gueti Lösig z sueche wie vor Johre i de Verkehrsfrog (Alpeninitiative, LSVA, NEAT usw.) oder bim 4-Säule-Konzept fürs Drogeproblem.
Eigentlich sött me um die Zyt in Rue Zmittag esse, i dem heisse Wetter allefalls i de Badi. E Unsitte risst aber überall i, sogenannti Arbetslunchs. Wäred de Session z Bern chönnt i jede Mittag a sone Sitzig mit Esse, wäred Kommissionssitzige mueni fascht jedesmol a sone Sitzig, well mir denn intern d Kommissionsgschäft beroted. Do sind zb. Sitzige vo de Parlamentarische Gruppe Sport(!), vo de Fründ vo de Wanderweg, de Parlamentsfraue, vo Wirtschaftsverbänd usw. Min Wunsch für Si und a Si: I hoffe, dass Si Arbet und Esse trenne chönnd. S isch eifach ugsund. Und wenn das nüme goht, denn chönnt’s si, dass Si zvill schaffed oder zvill Nebedjöppli händ.
Im Moment isch es z Bern am schönschte, wenn me um die Zyt sich vo de Aare tribe lot. E sonen Juni we dä git’s jo ned jedes Johr. Die Glegeheit zum Abchüele i de Aare muen i eifach hin und wieder.packe.
Glegeheite packe. Am Afang vo dere Legislatur bin i gfroget worde, öb i wett Vizepräsidentin vo de SP-Fraktion werde, als Stellvertreteri vom Franco Cavalli. I ha die Glegeheit packt, ha mi beworbe, bi gwählt worde und ha so d Möglichkeit übercho, en Hufe Neus kenne zlerne, vor allem inoffizielli Kontakt über d Fraktion us z pflege. Natürlich hät s au Arbet gä und e Reihe zuesätzlichi Sitzige. Vor eme Jor hät de Franco Cavalli sin Rücktritt müese erkläre, well er i sim Spitol zuesätzlichi Arbet übercho hät. So han ich d Möglichkeit übercho, s Präsidium z überneh. Au die Glegeheit han i packt, ha mi beworbe und bi gwählt worde. Was hät jetzt das mit em drü ztue? Am drü sind währed de Session d Fraktionssitzige. Ich leite die fascht immer. Da sind di spannendste politische Usenandersetzige. Do diskutiered mir parteiintern – hüfig heftig und kontrovers, aber immer mit de gliche Zyl vor Auge: Solidarität, Gerechtigkeit, Schutz vo Minderheite, Schutz vo de Umwelt. Bispiel sind do: Wie witer noch de Niederlag vo üsere Gsundheitsinitiative. Mache mer grad en neui oder ned? Sind mir für oder gege d Milchkontingentierig? Mached mir au Sparvorschläg fürs Entlastigsprogramm, wenn jo, welli? Mini Ufgob i de Fraktion isch s Moderiere vo sottige Diskussione, s Sueche vo me vo möglichst allne treite Resultat und denn s Vertrette vo dem Resultat bi de Medie, i de Partei, im Rot.
Die Sitzige gönd meistens bis am Sechsi, halbi Siebni. Da hät de Nochteil, dass i ned a jedem Matsch vom FC Nationalrot cha mitmache, well mir für di mengmol scho am füfi müessted parat stoh. I chönnt jo denn d Sitzigsleitig em Vizepräsident Peter Jossen überloh. Aber de tschuttet ebe au i dem Team...
Scho im Semi, aber au währed em Studium, und sit öppe 20 Johr erscht recht, han i gern Sport gmacht und i machs immer no gern. Drum packi d Glegeheit, am Viertel vor Siebni z Buchs an Lauftreff z go, immer, wenn s irgendwie got. Sport haltet mi fit, bim Jogge chan i s Hirni durlüfte und de Lauftreff bütet mir no Zuesätzlichs: I triff uf Lüt, wo nie im Wahlkampf sind, wo kei ideologische Scheuchlappe ahend, wo mi ne als Politikeri gsehnd sondern als Kollegin, wo au öppenemol mit got ane Renne. S Laufe isch für mi immer wichtiger worde, damit i langi Sitzige liechter überstoh und sit i min Pruef als Mathilehreri nüme usüeb, isch de Kontakt zu Ned-ParlamentarierInne nüme eifach geh. Do hilft de Lauftreff vill. Bi üsem Lauftreff hetts au e Reihe vo Lehrerinne und Lehrer, wo nebed de sportliche Betätigung au de Kontakt zu andere, i ihrem Fall zu Ned-Lehrchräft, sueched.
Si merkt, min Tag und dodemit mini Red goht em End zue. Wenn’s Frytig isch, chunnt am 20 ab Zehni d Arena. Do chönne uftrete, di Glegeheit packi ned immer. Das gilt für mi allgemein im Umgang mit de Medie. Medie chame sehr guet nutze, um selber bekannt werde und um Botschafte z verbreite. Das nutz i selbverständlich. Mit Medie möchte i aber echli dosiert umgoh. Wenn i also zumene Thema gfroget wür, wo n i wenig verstoh – das sind übrigens ned wenig Gebiet!- denn wink i lieber ab und säg, wer me do besser froge wür. Es ghört minere Meinig no au zu de Ufgobe vo de Fraktionspräsidentin, die andere Fraktionsmitglieder z Wort z cho loh, vor allem binere Fraktion, wo so vill kompetenti Lüt drin sind, wo härt schaffed.
De Umgang mit de Medie isch übrigens ned eso eifach. I bin zb scho zitiert worde, ohni dass deseb Journalischt mit mir gredt hät. Aber Medie sind i üsere Gsellschaft als Meinigsmacher nüme wegdenke. Ich bin eifach echli vorsichtiger worde mit em Glaube vo dem, won i liess oder won i gseh. Au bim Fernseh chönnt me jo manipuliere, indem me ned ganzi Antworte sondern nu Teil devo übertreit.
Übrigens: D Lehrerusbildig isch en guete Start ine Karriere bi Print- oder Bildmedie. Wie schnell me allerdings cha ufstiege und wieder verschwinde hät de Hansjörg Enz möse erfahre. De Tagesschauma mit de Flüge isch inere Parallelklass gsi vo mir.
Meistens glingt s mer, um die Zyt im Bett z si. I de letschte Nächt han i bim Ischlofe öppe as Semi und min Lebesweg sit do denkt. Wär i echt Mathilehreri worde, wenn s de Armin Kuratle ned gäbd (min damalige Mathi-Lehrer und no für e paar Tag Direktor vom Semi, er isch ein vo mine Lieblingslehrer gsi)? Wenn i bim Mathistudium ned min Ma kenne glernt het, wär i denn au a d Kanti Heerbrugg und dodemit in Kanton St.Galle cho? Wenn ned min Nochbor z Grabs SP-Parteipräsident gsi wär, wo mir döt anezüglet sind, het i denn je für de Kantonsrot und denn für de Nationalrot kandidiert? Wenn ned mini Vorgängeri Kathrin Hilber d Sensation gschafft hett und en Sitz i de St.Galler Regierig eroberet het, wär i denn je in Nationalrot cho? Wenn i ned in Nationalrot cho wär, het mi denn je öpper für d Arena agfroget oder für die hütig Asproch? Mis momentan Lebe isch zwor hektisch, aber sehr spannend. Dases das isch, wo’s isch, han i ned dur Planig erreicht. I ha de Zuefall brucht, immer wieder. Aber, i ha d Glegeheit packt, wo sich mir botte hend. I ha si packt, well i mi ha welle imische, well i wett mitrede, mitdenke, mitgestalte, mitschaffe anere grechtere Schwyz, wo mir alli chönnd gern ha und wo’s üs drin wohl isch, öb mir do gebore sind oder ned, egal wa mir für en Pass hend oder wa füre Ikomme. Mir ischs Glück hüfig bigstande, das isch mir bewusst.
Sie, liebe neui Kolleginne und Kollege, werded mit verantwortlich defür si, dass es de Chind, wo zu Ihne i d Schuel werded go, wohl isch. Das isch e tolli, aber schwirige Ufgob, wie gseit. Trotzdem würd i mi riesig drüber freue, wenn Si sich nebed em Pruef no imisched i d Entwicklig vo üsere Gsellschaft. Es git so vill Möglichkeite. Min Weg isch nu eine vo villne. Und söttis die eint oder de andere under Ihne emol is Parlament noch Bern verschloh, so wür mi da riesig freue. Mir wär’s übrigens glich, wenn Si us Verseh oder bewusst inere andere Fraktion lande würed.
Im April 1972 ha n i s Semi als frischpatentierti Lehreri verlo. (I ha als erschti Handlig übrigens mis Klavier verchauft und sit do au nie me eis aglanget. S Klavierpatent isch mer hüt no als grosse Schreck in Erinnerig.) D Usbildig vo do chan i hüt natürlich guet bruche, well i vill schribe, lese und rede mues. Wo Si i 31 Jor si werded – 31 isch übrigens e Primzahl und Primzahle sind mir sehr sympathisch -, weiss niemer. Mached Si kei grossi Karriereplanig. Bhalted Si lieber d Sinne offe für de Zuefall und woged Si sich au emol uf e Feld, wo Si ned kenned. Wenn s öppis git, wo mi mini 10 Jor i de Politik glernt händ, denn isch es das: Di andere choched au nu mit Wasser, wenn’s überhaupt selber choched!
Ansprache zur Patentfeier 2003 am Seminar Kreuzlingen, 27. Juni 2003
Von Hildegard Fässler, Ehemalige 1967-1972