Menschen, vor allem junge Menschen, brauchen Vorbilder. Sie möchten jemandem nacheifern, jemanden verehren, jemanden auch ein bisschen anhimmeln. Sie brauchen Menschen, von denen sie sagen, dass kann ich auch, das möchte ich auch erreichen, oder auch: so möchte ich auf keinen Fall werden.
Für Mädchen ist es häufig der Vater, der als erster diese Rolle einnimmt. Während früher dieser Vater einen Beruf hatte und in einer Umgebung arbeitete, die den Kindern bekannt war, in die sie Einblick hatten, ist das heute selten der Fall. Bäcker, Metzger, auch Mechaniker oder Briefträger, was die tun, ist klar. Aber Systemanalytiker, Riskmanager, CEO, was machen die?
Da kommt die Idee des Töchtertages genau richtig. Der bereits zweimal ausgeru-fene Töchtertag funktioniert so: Die Tochter begleitet den Vater, ev. auch die Mut-ter, einen ganzen Arbeitstag lang, um zu sehen, was der (oder die) konkret im Be-rufsalltag macht. Dieser Töchtertag hat mindestens drei Wirkungen:
Mit dem Töchtertag eröffnen sich den Mädchen auch die sog. Männerberufe. Gut möglich, dass die eine oder andere daraufhin für sich den Einstieg in einen solchen Beruf plant.
Ich erachte dies aus folgenden Gründen als für unsere Gesellschaft wichtig:
Es spricht daher nichts gegen Söhnetage, aber vieles dafür, dass Frauen in Männerdomänen auf sich aufmerksam machen sollten, denn wie anfangs gesagt, junge Leute brauchen Vorbilder!
Die Frauen bringen zwar die Kinder zur Welt. Dass sie danach aber auch für deren Entwicklung, Erziehung, Versorgung und so nebenbei auch noch für den Haushalt allein zuständig sein sollen, ist nicht mehr naturgegeben.
Wie aber bringen Mütter (und Väter) Arbeit und Familie unter einen Hut? Dazu braucht es zum einen Arbeitszeitmodelle, die gute Teilzeitarbeit ermöglichen. Sind in einem Beruf Männer und Frauen tätig - und die Frauen schaffen den Spagat zwischen Heim und Arbeitsplatz - so sollte dies wohl auch den Männern möglich sein. Darum: Frauen, mischt euch im Berufsleben unter die Männer.
Neben Arbeitszeitmodellen sind Betreuungsangebote für die Kinder wichtig. Noch fehlen in der Schweiz Tausende von solchen Plätzen. Der Bund hat mit der An-schubfinanzierung einen Schritt gemacht. Weitere sind nötig, insbesondere auch in der Zusammenarbeit von Behörden und Betrieben. Hier braucht es Taten statt Wahlversprechen und Schönwetterreden.
Es braucht aber auch Steuermodelle, die die Frauen nicht von der Arbeit fernhalten. Das Splittingmodell im Kanton St.Gallen ist nur auf den ersten Blick partnerschaftsförderlich: Die Einkommen der Ehepartner werden addiert und zum Steuersatz auf der Hälfte dieses Betrags versteuert. Am meisten von dieser Regelung profitieren aber die sehr gut situierten Einverdienerpaare. Ihr Steuersatz ermässigt sich am meisten.
Wer also einen Ansatz zur partnerschaftlichen Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit über die Steuern machen will, muss sich für die Individualbesteuerung entscheiden. Jeder versteuert dabei einfach sein eigenes Einkommen. Dabei kommen Fifty-Fifty-Verdienerpaare am besten weg. Partnerschaft lohnt sich!
Anständige Löhne sind Grundvoraussetzung, um den Zweisprung Familie-Beruf bewältigen zu können. Die Forderung der Gewerkschaften vom 1. Mai 2001 „Kein Lohn unter 3000 Fr.“ hat Wirkung gezeigt. Löhne unter 3000.- gehören heute in die Kategorie „unanständig“.
Das wichtigste Kapital der Gewerkschaften sind ihre Mitglieder. Je höher der Organisationsgrad, desto grösser ist das Gewicht als Sozialpartner. Gerade daran mangelt es aber in den Frauenberufen. Daher bedeutet das Motto FrauenMacht-Gewerkschaften auch "Frauen, macht mit in den Gewerkschaften!“
Organisiert euch. Nur so kommt ihr zu genügend Macht, um eure berechtigten Anliegen wie gute Löhne, schlaue Arbeitszeitmodelle, bezahlbare Krippenplätze, anständige 2. Säulen, gegenüber euren Sozialpartnern durchzusetzen.
Die Motivation zum Mitmachen in einer Gewerkschaft muss schon in der Schule, spätestens aber in der Berufsschule beginnen. Und da ist es eben gut, wenn nicht nur theoretisiert wird, sondern wenn Frauen aus der Praxis berichten können. Wenn das anfangs Frauen aus Männerberufen sind, die von Gewerkschaftserfolgen berichten können, macht das nichts. Ihr Vorbild wird auch auf die Frauenberufe ausstrahlen. Ein Ziel dieses 1. Mai muss es daher sein, mehr Frauen in die Ge-werkschaften zu bringen.
Ehemänner sind heute für die Frauen keine Versicherungen mehr für ein finanziell sorgloses Leben bis zur AHV – Gott sei Dank. Auch nicht bis zur Scheidung. Ar-beitslosigkeit kann jede und jeden treffen. Daher, Frauen, sorgt für eure eigene finanzielle Sicherheit. Dies schadet keiner echten Partnerschaft, im Gegenteil!
Neben Familie und Beruf gibt es für viele Frauen noch ein drittes Feld, auf dem sie gerne tätig wären, das Feld der Politik. Es ist ausserordentlich wichtig, dass viele Frauen diesen Dreisprung schaffen. Unsere neue Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, ist für mich ein Beispiel. Sie hat Vorbildcharakter. Nicht nur wegen ihrer mutigen Politik, sondern auch als politisierende Grossmutter. Als Frau, Mutter und Grossmutter bringt sie Erfahrungen mit in ihre politische Arbeit, in ihre Entschei-dungsprozesse, die ihre sechs Gspänli im Bundesrat nicht haben. Was als Vor-aussetzung dafür gilt, dass Mütter nicht von der Erwerbswelt ausgeschlossen werden, gilt ebenso für die Politwelt. Manches würde in der Pfalz und in Bern anders laufen, wären mehr Frauen, insbesondere mehr linke Frauen an den Ent-scheidungen beteiligt.
Natürlich gibt es auch Frauen, die sich den Anliegen der Frauen in den Weg stellen. Ich denke an Christine Egerszegi, die an vorderster Stelle gegen die Mutterschaftsversicherung gekämpft hat, leider erfolgreich. Mit einigen Jahren Verzöge-rung steht nun wieder eine Mutterschaftsversicherung in Aussicht. Höchste Zeit, dass sie endlich kommt, denn auch sie gehört zu den wichtigen Bedingungen zu-gunsten der Erwerbstätigkeit der Frauen, aber auch für die Haushaltskassen der Familien mit schmalem Einkommen.
Ganz schlimm ist auch die Haltung von Lucrezia Meier-Schatz, immerhin Generalsekretärin von „Pro Familia Schweiz“ bezüglich der Gleichberechtigung. Von ihr war im „Rheintaler“ vom 22.3.03 zu lesen:
"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit führt in der Tat dazu, dass – im Gegensatz zu früher – die Wirtschaft keinen Anreiz mehr hat, den Personen, die Familienpflichten haben, mehr Lohn zuzusprechen. Das führt zu einer Verminderung der Kaufkraft der Familien im Vergleich zu den Kinderlosen.“
Da bin ich fast sprachlos. Welche Geringschätzung des endlich erkämpften Verfassungsgrundsatzes! Muss ich aus dieser Aussage schliessen, dass Frauen ge-scheiter wieder weniger verdienen würden als ihre Kollegen, damit die Wirtschaft wieder dem Grundsatz frönen kann, dass (männliche) Ernährer halt doch mehr verdienen sollen? Und was ist mit den (weiblichen) Alleinerziehenden?
Damit wird klar: Wir brauchen Frauenpower, aber Frauenpower von links. Rechts haben wir schon genügend Sozialverhinderer und Sozialabbauer. Am 19.Oktober kann die rote Karte gezückt oder ein neues Billett nach Bern ausgestellt werden!
Mit dieser unmathematischen, aber trotzdem richtigen Gleichung sagen wir Ja zum Kampf für eine gerechtere Welt. Mit dieser Gleichung gewinnen wir diesen Kampf.
Die grossen Gurus mit und ohne Fliege sind abgetaucht. Es zeigt sich, dass Selbstverantwortung, das Lieblingswort der Neoliberalen, tatsächlich nur Verantwortung gegenüber sich selbst heisst. Neben vergoldeten Fallschirmen, auch im Fall des Versagens, heisst dies offensichtlich auch: Steuergeschenke, aber nur an die Reichen. Den weniger gut Verdienenden wird vorgegaukelt, auch sie würden von Steuersenkungen profitieren. Alles fauler Zauber!
Wer mit solchen Reserven versorg ist, kann leicht fordern, alle müssten den Gürtel enger schnallen, z.b. bei der AHV oder den Pensionsleistungen. Medial lässt man den Pleitegeier kreisen, um diesen Abbau zu kaschieren. Der als Selbstverantwor-tung getarnte Egoismus zeigt sich auch glasklar im millionenschweren Kampf für die Kopfprämien bei der Krankenversicherung. Die einzig richtige Antwort ist dazu ein deutliches Ja zur Gesundheitsinitiative am 18. Mai.
Der Kampf der Gewerkschaften ist auch ein Einsatz für den Frieden. Die Demonstrationen weltweit gegen den Irak-Krieg haben dies gezeigt. Gewerkschafter marschierten zuvorderst und in grosser Zahl mit.
Bomben lösen keine Probleme, sie schaffen aber neue. Konflikte sind mit friedlichen Mitteln anzugehen, auf der Basis des Völkerrechts. Nur so können sie dauerhaft gelöst werden.
Demokratie bringt man nicht mit Panzern und Raketen. Demokratie muss erarbeitet und geübt werden. Z.B. durch Unterstützung von Frauenprojekten, sei dies die Herstellung und der Vertrieb von Teppichen, die in einer alten kulturellen Tradition stehen, sei dies das Bebauen eigener kleiner Äcker inkl. Verkauf der Produkte u.ä.m.
Auch ich habe einen Traum, den Traum von einer besseren Welt, von einem guten Leben für alle. Gemeinsam kommen wir in der Realität diesem Traum Schritt für Schritt näher. Am 1. Mai ist Träumen erlaubt. An den anderen 364 Tagen aber müssen wir an die Arbeit. Sie lohnt sich!
Rorschach, 1. Mai 2003