«Mehr Solidarität, mehr soziale Sicherheit und eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen tun Not. Dafür setze ich mich weiterhin ein.»
Hildegard Fässler am 25. November 2011

Hildegard Fässler
 
Pjöngjang - Flughafen

Reise nach Nordkorea, 11. bis 18. Mai 2010
Einladung der Korean Democratic
Womens Union KDWU

Persönliche Freiheit

Unsere Begleiterinnen betonen bei jeder Gelegenheit die Freiheit, die man in Nordkorea geniesse. Auf Schritt und Tritt widerlegt das, was wir erleben, diese Aussage.

Eine Woche ohne Handy, ohne Internet. Nicht erreichbar sein, nicht ständig ab- oder anrufbereit. Diesen Luxus leiste ich mir hin und wieder. Natürlich lasse ich meinen sms-Empfang für eventuelle familiäre Notfälle zeitweise offen. Wer nach Nordkorea reist, kommt unfreiwillig in diese Situation: Im Flughafen der Hauptstadt Pjöngjang muss man sein Handy der Security übergeben. Auch ich als von offizieller Stelle Eingeladene habe dies zu tun. (Bei der Ausreise werde ich das Gerät wieder zurück bekommen.) Den Laptop kann man zwar mitnehmen, aber der nützt als Fühler zur Welt ausserhalb Nordkoreas nichts, denn es gibt keinen Zugang zum Internet. In unserem Hotel kann man (für sehr teures Geld) nach Europa telefonieren. Das funktioniert tadellos. Es stellt sich heraus, dass die uns begleitenden (beaufsichtigenden) Frauen ein Mobiltelefon haben. Es gibt ein Netz in der Hauptstadt, aber kaum darüber hinaus. Die normalen Bürger und Bürgerinnen haben kein Handy und so sieht man in den Strassen von Pjöngjang, auf Trottoirs, an Bushaltestellen, vor Denkmälern oder in der Hotelhalle praktisch niemanden mit einem Handy am Ohr, ein verwunderlicher Anblick verglichen mit all den Städten, in die ich schon gereist bin. - Doch, doch, die Studenten und Studentinnen in der neuen E-Bibliothek der Kim-Il-Sung-Universität von Pjöngjang hätten Zugriff zum Internet, wird uns von unseren Begleiterinnen versichert. Das Display der neuen Computer sieht auch so aus, als ob das tatsächlich möglich sei. Ein Versuch unsererseits, ins weltweite Netz zu kommen, zeigt, dass das nicht stimmt. Alle Websites ausserhalb Nordkoreas sind unzugänglich.
Selbst im besten Hotel von Pjöngjang, im Koryo-Hotel, wo wir einquartiert sind, gibt es für die Gäste keinen Internetzugang. Der mitgebrachte Laptop dient also nur als Schreibmaschine, Tabellenkalkulator oder Grafikinstrument – zudem ohne Druckmöglichkeit auf Papier.

Und dann das Joggen.

Sport findet privat nicht statt. Sport betreibt man allenfalls als gemeinsamen Massenanlass zur Ehre des Great Leader oder als Spitzenleistung. In sieben Tagen habe ich einmal drei Männer auf Rennvelos und insgesamt zwei Männer beim Joggen gesehen. Ich darf nicht ausserhalb des Hotels joggen – aus Sicherheitsgründen, wie man mir bedeutet. Welche Sicherheit würde ich gefährden bzw. wodurch wäre meine Sicherheit gefährdet? Die Antwort bleibt aus.
Mein Sport beschränkt sich daher auf ein einsames Benützen des einzigen Laufbands in einer stickigen Kammer des Hotels, „Gym“ genannt – um dann dort auch noch berieselt, nein beschallt zu werden von einer enervierenden Propaganda-Musik. - Überhaupt: Uns als eingeladene Gäste ist es nicht erlaubt, allein Schritte aus dem Hotel zu tun. Wer es versucht, wird sofort zurückgeholt, z.b. mit der Behauptung, man würde im Hotel gesucht. Und unser Wunsch, einen Spaziergang in der Hotel-Umgebung machen zu wollen, bringt unsere Begleiterinnen in arge Not. So etwas ist im Besuchsprogramm nicht vorgesehen. Nach diversen Telefonaten unserer Betreuungschefin können wir doch einen kleinen Rundgang machen, aber immer links und rechts abgeschirmt durch unsere Begleiterinnen. Und immer wie eine Herde Schafe zusammengehalten – auch mit Stossen und Stupsen, damit ja kein Kontakt mit der Bevölkerung entstehen kann.

Kinderbetreuung

Wir machen Besuche in verschiedenen Kinderbetreuungseinrichtungen. Überall ist etwas Spezielles für uns vorbereitet. Den „normalen“ Betrieb bekommen wir nicht zu sehen. Ein Blick hinter die Kulissen ist nicht möglich.
In der Kim Jong Suk-Crèche - benannt nach der Frau von Kim Il Sung - sind 520 Kinder im Alter von zweieinhalb bis vier Jahren. Sie sind dort fünf Tage pro Woche, Nächte inklusive. Die Gruppen, die wir besuchen dürfen, sind alle sonntäglich gekleidet und zeigen uns etwas Eingeübtes. Die Gruppen bestehen aus 18 bis 20 Kindern mit einer, seltener zwei Betreuerinnen. Während eine Gruppe die einzelnen Teile der Wohnungsanlage von Kim Il Sung an einem Modell auswendig herunter leiert, zeigt uns eine andere ihre Fähigkeiten an einer Art Memory. Die Kinder melden sich jeweils freiwillig und alle anderen klatschen, wenn sie die Aufgabe richtig lösen. Natürlich macht kein Kind einen Fehler.
Eine weitere Gruppe von gut 20 Kindern sitzt an einem Tisch. Jedes Kind spielt mit einem eigenen Spielzeug. Nicht alle sind anregende Spiele. Ein Bub lässt z.b. eine Kugel eine Bahn hinunter rollen. Immer wieder. Wenn etwas herunterfällt, darf es nicht aufgehoben werden, wenn das Kind dazu sein Stühlchen verlassen müsste. Das Erschreckende: Die Kinder sind absolut ruhig. Kein Wort. Kein Lachen. Kein Rempeln. Kein Kontakt mit einem anderen Kind. Auf Befehl der Betreuerin rufen alle Kinder gleichzeitig dasselbe. Dann ist wieder absolute Ruhe. Ich bin irritiert über diese wenig kinderfreundliche Atmosphäre. Individualität ist nicht möglich. Die Verherrlichung des alten und des amtierenden Führers gehört zum Bildungsauftrag. Kriegsbilder von den bösen Japaneren und den mutigen Koreanern findet man an den Wänden in Krippen ebenso wie riesige, heldenhafte Darstellungen von Kim Il Sung und Kim Jong Il.
Wir unterschätzen die Kinder übrigens im Alter regelmässig. Sie sind wesentlich kleiner als gleichaltrige Kinder bei uns. Das liegt an der sehr knappen und wenig ausgeglichenen Nahrung (kaum Fett und Eiweiss, viel Reis).
Es gibt auch Kindertagesstätten, die die Kinder zehn Tage und Nächte hintereinander betreut. Das ist ein Angebot an Eltern, vor allem auf dem Land, die zehn Tage arbeiten, bevor sie einen freien Tag haben.

Infrastruktur

Bei der Ankunft in Pjöngjang fällt der dünne Strassenverkehr auf. Immerhin ist ja die Hauptstadt von Nordkorea eine Millionenstadt. Auf unsere Frage, warum nur so wenige Autos unterwegs sind, bekommen wir die verblüffende Antwort: Um die Luft sauber zu behalten, würden nur wenige Autos in die Stadt hinein gelassen. Dass diese Aussage unsinnig ist, sehen wir bei unseren Fahrten aus Pjöngjang hinaus. Selbst auf den Autobahnen ist kaum Verkehr. Nur wenige PWs sind zu sehen, ebenso wenige Lastwagen. Es gibt einfach fast keinen Privatverkehr in diesem Land.
Die Autobahnen haben miserable Beläge. Der Fahrer bei unserer Reise an die Ostküste nach Wonsan fährt trotzdem mit Vollgas über diese Rumpelstrassen, so dass wir durchgerüttelt werden und immer wieder bis fast zum Autodach hochgeschüttelt werden. Sicherheitsgurte gibt es keine. Verkehrsmittel mit hohem Alter sind keine Seltenheit. Es gibt sogar noch Lastwagen mit Holzvergaser.
In der Hauptstadt gibt es Busse und Trams. Die sind alle in lamentablem Zustand und trotzdem fast immer überfüllt. An den Haltestellen sind immer lange Schlangen von Wartenden zu sehen.
Auch die Stromleitungen machen einen heruntergekommenen Eindruck, oft auch im wörtlichen Sinn. Sehr oft müssen die Leitungen wieder auf Betriebshöhe gehievt werden, weil sie von einer Stange heruntergefallen sind. Die einzige Ausnahme, nämlich ein grünes Tram in tadellosem Zustand, ist jenes zum Mausoleum von Kim Il Sung. Es ist ein altes Basler „Drämli“!Trotz des bescheidenen Verkehrsaufkommens steht auf jeder grösseren Kreuzung eine Verkehrspolizistin auf einer Kanzel. Mit den zackigen Bewegungen, dem blauen Kleidchen und den weissen Söckchen und dem Stab in der Hand sehen sie aus wie Marionetten. Notwendig sind sie eigentlich nicht.
Im Koryo-Hotel haben wir immer Strom. Im Hotel in Wonsan fällt er jedoch häufig aus. Da auch die WC-Spülung nicht funktioniert, füllt mir eine Hotelangestellte die Badewanne mit Wasser und stellt mir einen Kübel daneben. Im obersten Stock des Koryo-Hotels ist ein Drehrestaurant. Von dort stellen wir leicht fest, dass die Strassen nicht beleuchtet sind. Bei Dunkelheit sind alle Strassen Pjöngjangs dunkel. Gegen 22 Uhr löscht auch die Beleuchtung des Bahnhofs. So funkeln nur einige Fenster aus den Wohnblocks in die Nacht.
Handy und PC gibt es nur für wenige. Das Funknetz für die Handys ist dünn und funktioniert vor allem in der Hauptstadt. Internetzugang auch im besten Hotel: Fehlanzeige.
Für die Sanierung von Gebäuden ist oft kein gutes Material vorhanden. Zum teil sind die Gerüste und Arbeitsplätze der Bauleute abenteuerlich oder gefährlich.

Die Schweiz in Nordkorea

Die Schweiz ist seit über 35 Jahren in Nordkorea präsent. Sie gehört zu jenen westlichen Ländern, die am längsten mit Nordkorea Beziehungen unterhalten. Offiziell trat die Schweiz auf der koreanischen Halbinsel erstmals 1953 durch die Teilnahme an der Neutralen Überwachungskommission bei der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea in Aktion. Als neutraler Staat stellt die Schweiz bis heute an der inoffiziellen Grenze zwischen den beiden Ländern militärische Beobachter.
Bei unserem Besuch in Koksan County konnten wir uns von der erfolgreichen Arbeit der DEZA-Projekte in der Landwirtschaft überzeugen. Hier geht es um Hilfe zur Selbsthilfe für die Bauern. So wird z.B. die Fruchtbarkeit der Böden verbessert durch Bebauung mittels Fruchtfolge. Oder Schädlingsbekämpfung durch Insekten statt mit Chemikalien. Hier wird Know-how weitergegeben, von welchem die so unterrichteten Bauern direkt profitieren können.

Versuchstreibhaus für Kräuter und Gemüse der Ryuli Cooperative Farm, Koksan

Ich würde es ausserordentlich bedauern, wenn ausgerechnet diese DEZA-Projekte dem Spar-Rotstift in der Schweiz zum Opfer fallen würden. Die momentan rund 4 Mio. Franken jährlich sind gut investiert und sinnvoller als die Milchpulverlieferungen, die auch nach Nordkorea gehen. Die Milchpulverlieferungen als humanitäre Hilfe stützen die diktatorische Regierung, indem sie den selbstverursachten Hunger lindern und sind ohne dauerhaften Erfolg. Die DEZA-Projekte, geleitet von ihrer klugen Direktorin vor Ort, Kathi Zellweger, machen hingegen einige Familien zu erfolgreicheren Landwirtsfamilien mit nachhaltiger Wirkung.

Menschen

Überall sieht man Menschen, die zu Fuss unterwegs sind. Erwachsene und Kinder. Mitten in der Landschaft, zwischen Feldern, neben den Strassen, auf dem Weg in die Hauptstadt. Sie sind stundenlang unterwegs, und es ist nicht immer ersichtlich, woher sie kommen und wohin sie ihr Weg führt. Manchmal sind sie mit einem Fahrrad unterwegs, transportieren so Säcke und anderes.
Wo ein Stück Grünfläche ist, selbst auf Rasenflächen in Pjöngjang, sind Erwachsene, häufig auch ältere Menschen zu finden mit einem Körbchen oder einem Säckchen. Sie suchen nach Gräsern und Wurzeln. Notwendige Nahrungsergänzung. Die Menschen haben offensichtlich Hunger.

Suche nach Kräutern und Wurzeln in einem Park in Pjöngjang

Suche nach Kräutern und Wurzeln in einem Park in Pjöngjang

Die Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen sind klein und dünn. Sie sind heute durchschnittlich 10 cm kleiner als ihre „Landsleute“ in Südkorea. (Ich gehöre mit meinen 159 cm zu den grossen Frauen.) Viele Säuglinge sind abhängig von der Nahrungshilfe z.B. des WFP (World Food Program) der UNO.
Sehr oft sieht man Frauen, seltener Männer, die in Gruppen für uns ungewohnte Aufträge zu erfüllen haben: Wischen mit Beseli und Schäufelchen unter den Denkmälern von Kim Il Sung und Kim Jong Il. Rasenschneiden mit kleinen Scherchen bei den Streifen zwischen Strasse und Trottoir. Jäten am Rand der Autobahnen.
Die Menschen sind sehr diszipliniert und geduldig beim Anstehen, sei dies beim Tram, beim Besuch des Mausoleums ihres Führers, beim Besuch der International Friendship Exhibition (dort werden die Geschenke anderer Länder für die Führer in zwei Marmorpalästen mit Dutzenden von Zimmern ausgestellt), beim Besuch von Mangyongdae, dem Geburtsplatz von Kim Il Sung. Als wir dort waren, waren auch Tausende von Kindern in Sonntagskleidern zu Besuch, die rastlos durch die Anlage geschleust werden.
Spontane Kontakte zu den Menschen werden uns Besucherinnen systematisch verunmöglicht. Einzig beim Besuch der DEZA-Anlagen können wir unkontrolliert mit Nordkoreanern sprechen. Sie sind mit Antworten zu Fragen über das Leben in ihrem Land allerdings sehr zurückhaltend. Wenn man den UN-Menschenrechtsbericht 2010 zu Nordkorea liest, ist das sehr verständlich. Zu ihrer Arbeit und der Zusammenarbeit mit den DEZA-Leuten geben sie hingegen bereitwillig Auskunft.

Kinder beim Besuch der Geburtsstätte von Kim Il Sung

Kinder beim Besuch der Geburtsstätte von Kim Il Sung

Ob die Menschen in Nordkorea den Versprechen ihres Führers glauben oder nicht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Diese Versprechen sind riesig: 2012 wird Nordkorea ein prosperierendes, wirtschaftlich starkes Land sein, ist überall auf riesigen Plakaten zu lesen. Dieses Versprechen wird sicher nicht eingelöst werden. Zu desolat ist die heutige wirtschaftliche Situation. Und bis 2012 sind es nicht einmal mehr zwei Jahre. Als Zweites wird die Wiedervereinigung mit Südkorea in Aussicht gestellt. Doch daran hat niemand ernsthaft Interesse, weder China, noch Japan oder die USA und auch nicht Südkorea. Und die Weltgemeinschaft ist nur mit der Frage der Atomwaffen Nordkoreas beschäftigt. So wird die baldige Wiedervereinigung nur eine Propaganda-Geschichte der nordkoreanischen Führung bleiben.

Denkmal der Wiedervereinigung, Pjöngjang

Denkmal der Wiedervereinigung, Pjöngjang

31. Mai 2010