VPOD und KiTaS lancierten am 31. August 2009 die Petition „Kinderbetreuung fair finanzieren“.
Näheres findet man unter www.kitas-fair-finanzieren.ch. Dort kann die Petition auch online unterschrieben werden.
Studien für die Schublade?
In allen möglichen Bereichen werden laufend Studien verfasst, präsentiert und besprochen. Das gilt auch für den Bereich der Kinderbetreuung. Mir scheint jedoch, dass im Gegensatz zu anderen Gebieten die Studien zum Thema Kinderbetreuung, nachdem sie in der Öffentlichkeit mehr oder weniger grosse Wellen geworfen haben, folgenlos in den Schubladen verschwinden. Wie das?
Hat es damit zu tun, dass in der Schweiz von gewissen Kreisen das Familienmodell „Vater Ernährer und Mutter zuhause“ als einzig richtiges Modell hochgejubelt wird und niemand ernsthaft dagegen antreten will? Auch wenn die gesellschaftliche Entwicklung in der Schweiz dieses Modell längst in die Minderheit versetzt hat?
Oder ist es deshalb, weil diese Studien regelmässig belegen, dass die Schweiz bei der familienergänzenden Kinderbetreuung hinter fast allen vergleichbaren Ländern hinterher hinkt, wir dies aber nicht wahrhaben wollen? Oder weil die Betreuung ziemlich klaglos funktioniert, weil viele Private sich dafür (gratis) einsetzen? Oder schlicht und einfach, weil ein absolut notwendiger qualitativer und quantitativer Angebotsausbau etwas kostet, Bund und (fast alle) Kantone aber kein Geld locker machen wollen?
Dies, obwohl z.B. die Integrationskraft von Kindertagesstätten unbestritten ist! Und obwohl mit einer frühen Förderung der Kinder ein Schritt in Richtung Spitze bei Pisa-Untersuchungen gemacht werden könnte! Und obwohl alle Kandidierenden für irgendein Amt ständig sagen, die einzige Ressource der Schweiz seien unsere Köpfe!
KiTaS und VPOD fordern mit der Petition und mit allen UnterzeichnerInnen und Unterzeichnern ein ernsthaftes Engagement des Staates für die familienergänzende Kinderbetreuung. Heute fehlen in der Schweiz noch tausende von Betreuungsplätzen, vor allem in Kindertagesstätten. Die bei KiTaS organisierten Kitas sind zu 90% privat organisiert und finanziert. Häufig sind sie aus Selbsthilfegruppen von Eltern entstanden, die für ihre Kinder keinen Betreuungsplatz gefunden hatten und daher selber aktiv wurden. Mit der Anstossfinanzierung des Bundes bekamen die in den letzten Jahren gegründeten Institutionen zwar zwei Jahre lang eine finanzielle Unterstützung. Trotzdem sind viele Kitas permanent in einem finanziellen Engpass, denn nach den ersten zwei Jahren sind nur wenige von ihnen dauerhaft gesichert und müssen laufend neue Finanzierungsquellen suchen – oder sparen. Dies geschieht häufig beim Personal, z.b. durch den Einsatz von PraktikantInnen.
Unsere Kinder sollen gut betreut und ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert werden. Sie haben Anspruch auf dafür gut ausgebildetes, qualifiziertes Personal. Eltern, die ihre Kinder einer Betreuungseinrichtung anvertrauen, haben diesen Anspruch ebenfalls. Von professionell arbeitendem, motiviertem Personal profitiert schliesslich auch unsere Gesellschaft. Kinderbetreuung ist also genauso wie die Schule ein Service public. Auch das Umfeld, die Räumlichkeiten müssen einen gewissen Standard ausweisen. Nur in einer anregenden, den Bedürfnissen von Kindern angemessenen Umgebung können genügend Anreize für das entdeckende Lernen geboten werden. Das muss und darf den Staat etwas kosten.
Kinder dürfen nicht benachteiligt sein, nur weil sie in einem Kanton oder einer Gemeinde wohnen, die kein Betreuungsangebot macht. Vor mehr als einem Jahrhundert schon hat man gemerkt, dass dieser Grundsatz für den Schulbesuch richtig ist. Es wird Zeit, dieses Prinzip auch für unsere Jüngsten durchzusetzen.
Der Beruf der Fachfrau, des Fachmanns Kinderbetreuung (FaBe) braucht eine grössere Akzeptanz, mehr Sozialprestige. Dies ist zu erreichen durch bessere Löhne, bessere Anstellungsbedingungen, die Möglichkeit zu Weiterbildung und Weiterqualifizierung, durch ein Ausbildungsangebot auf Tertiärstufe und auch durch die Möglichkeit, für diesen Bereich Forschung zu betreiben. So kann in der Bevölkerung das Bewusstsein verankert werden, dass die familienergänzende Kinderbetreuung ein Teil des schweizerischen Service public ist.
Die Petition von KiTaS und vpod fordert ausreichende Mittel für eine gute familienergänzende Kinderbetreuung. 1% des BIP entspricht der Forderung des Netzwerks Betreuung der EU, von OECD und Unicef. Der Bundesrat wird aufgefordert, diese Forderung der Fachleute umzusetzen – zum Wohle unserer Kinder, unserer Familien und unserer Gesellschaft!