Vom 10. bis 18. Februar 2007 war ich mit einer Gruppe von Nationalrätinnen und Nationalräten und einem Ständerat unter der Leitung von Franco Cavalli in Kuba. Nachdem in diesen Tagen (Mitte Juli 2008) der kubanische Staatschef Raùl Castro von seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern verlangt hat, den Gürtel enger zu schnallen, habe ich mir die Frage gestellt, ob das überhaupt geht.
Als Grundlage für eine Antwort habe ich mir die Eindrücke aus dieser Reise nochmals durch den Kopf gehen lassen und sie nun auch zu Papier gebracht. Es ist ein Puzzle geworden oder eher ein Kaleidoskop, denn die einzelnen Teile ergeben kein Ganzes. Sie spiegeln immer wieder andere Seite Kubas, so wie ich dies subjektiv erlebt habe.
Ich sitze kurz vor der Heimreise auf einer Hafenmauer in Havanna und unterhalte mich mit einem knapp 20jährigen Kubaner. Auf Englisch natürlich. Ich kann ja leider nicht spanisch, er aber sehr wohl englisch. Was soll ich ihm antworten auf seine dringlich vorgebrachte Frage: „Kann ich auch einmal ins Ausland reisen – wie Sie?“ Ja, sage ich. Davon bin ich überzeugt. Sie werden es erleben, dass die Schranken auch für Sie fallen werden. Nie hätte ich nämlich gedacht, dass die Berliner Mauer fallen würde. Und doch ist dies vor bald 20 Jahren geschehen.
Wer irgendwo hin will, nimmt nicht den Bus. Mir sind jedenfalls keine Überlandbusse in Erinnerung. Wer an einen anderen Ort will, stellt sich an die Strasse. Das erste oder zweite private Vehikel, das vorbei fährt und noch Platz hat, nimmt einen mit. Das tut es auch, wenn man z.b. mit Möbeln oder einem riesigen Lebensmittelpaket unterwegs ist. Komfort ist nicht gefragt, nur dass es vorwärts geht. So sieht man alte Lastwagen, deren Ladebrücke voll von Passagieren mit allerlei Gepäck über die meist holprigen Strassen rumpeln.
Die Landschaft ist schön. Insbesondere natürlich der Strand von Varadero. Aber auch weg von der Küste gibt es eindrückliche Landstriche wie die riesigen braunen Felder mit den Königspalmen.
Wo sind die Bauern? Viele Felder sind unbestellt, ganze Landstriche liegen brach. Aber wer will denn noch in der Landwirtschaft arbeiten, mit geringstem Einkommen, wenn er oder sie eine ausgezeichnete Ausbildung genossen hat?
Das kubanische Gesundheitswesen ist beispielhaft für Mittel- und Südamerika. Alle haben Zugang zu medizinischer Versorgung. In Spitäler wird ebenso investiert wie in die Ausbildung von Medizinern und Medizinerinnen und in die Forschung und Entwicklung von Medikamenten. Letzteres gezwungenermassen. Wer keinen Zutritt zum internationalen Medikamentenmarkt hat (internationaler Boykott), muss diese selber entwickeln und zwar bis zur Anwendungsreife.
Allmählich darf auch über AIDS gesprochen werden. Der Besuch einer Beratungsstation ist eindrücklich: Viel Engagement, geringe Mittel, leichte Hoffnung auf öffentliche Anerkennung der Arbeit.
Auch zur Bildung haben alle Zugang. Beim Besuch einer Primarschule werden uns spontan tänzerische Darbietungen gezeigt. Stolz, Freude, Spass, Konzentration sind zu spüren und zu sehen. Der Applaus wird ohne Scheu genossen. Die Tanz-Trikots sind Auszeichnung für die Trägerinnen und auch Kennzeichen ihrer Klasse.
Beim Besuch einer Hochschule fällt mir auf, dass die Studierenden kaum Papier haben. Dicht beschreiben sie alte Agenden und sonstwie bereits einmal verwendetes Papier.
Auf dem Markt gibt es alles zu kaufen. Aber nicht alle haben auch genügend Geld dafür. Dass es in Kuba zwei Währungen gibt, die nicht gegenseitig umtauschbar sind, erlebe ich auf dem Markt drastisch. Ich kann mir als Touristin mit meinen kubanischen Pesos vom Typ CUC (Peso Convertible) alles leisten. Wer wie der Grossteil der kubanischen Bevölkerung nur kubanische Pesos Typ CUP hat, muss sich nach den billigsten Angeboten strecken. Hungernde habe ich nicht gesehen. Aber dass die Menschen wenig zum Leben haben, das ist offensichtlich. Den Gürtel noch enger schnallen können wohl nur die Wenigsten!
Beim Besuch einer Tabakfabrik erstaunt mich vieles. Da ist einmal die stupende Fingerfertigkeit, mit der die Zigarren gerollt werden. Frauen können‘s übrigens exakter. Auch, dass in der Fabrik geraucht werden darf. Natürlich nicht die Zigarren, die werden für den Export hergestellt. Und dann die Vorleserin: Am Morgen liest sie von einer Empore herab aus der Zeitung vor, am Nachmittag ist Literatur angesagt.
Die Qualitätskontrolle ist streng. Jede Arbeiterin, jeder Arbeiter ist für die gefertigten Zigarren selber verantwortlich. Es gibt keine „kollektive Haftung“ für fehlerhafte Stücke sondern eine individuelle. Der Arbeitsplatz hängt an der Qualität der persönlichen Arbeit.
Beim Besuch der (damaligen) Nummer drei in der politischen Hierarchie Felipe Pérez Roque im Regierungsgebäude staune ich: Die Kontrollen beim Eingang sind noch larger als im Bundeshaus in Bern. Unser Gesprächspartner ist zudem von einer verblüffenden Offenheit.
In die Parteizentrale kommt man weniger einfach hinein. Und da sind auch die Auskünfte viel weniger freimütig. Da werden die eingeübten rhetorischen Sprachblasen losgelassen. Persönliche Antworten gibt es nicht.
Im prächtigsten Saal der Universität von Havanna versammeln sich ProfessorInnen und StudentInnen. Sie erwarten ein spezielles Referat von einem einmaligen Referenten. Sie freuen sich auf Dr. Franco Cavalli. Im Saal sind die kubanische und die Schweizer Fahne aufgestellt und wir hören beide Nationalhymnen. Ich bin beeindruckt, berührt von der Hochachtung, die unserem Kollegen Franco Cavalli entgegengebracht wird. Auch er ist emotional aufgewühlt. Er fängt sich und hält ein Referat zum Thema Krebs, das die Zuhörenden fesselt.
Dass Franco und ich am Grab von Che Guevara einen Kranz niederlegen, ist eine zweite emotionale Geschichte auf unserer Reise, die auch eine Reise in die nähere Vergangenheit ist.
Vieles. Unsere perfekte Unterkunft im Park mit dem tollen Personal, von der Kubanerinnen und Kubaner nicht einmal träumen. Die farbigen Autos, die die Bilder, die ich mir aus Filmen zurecht gelegt habe, zu hundert Prozent bestätigen und dass damit sehr sorgfältig gefahren wird, was auch zugunsten der FussgängerInnen ist. Der Schweizer Botschafter (ist er es noch?), der wenig von Kuba hält. Die sehr bescheidenen Verhältnisse, in denen die meisten Kubanerinnen und Kubaner leben. Deren Lebensfreude, die sich z.b. in einem (spontanen) Fest auf einer Autobahnraststätte zeigte. Das Austauschprogramm mit Bolivien und Venezuela „Ärzte gegen Öl“, das zu einer Unterversorgung mit medizinischem Personal führen könnte. Die Auswirkungen des amerikanische Boykotts, der auch Unternehmen aus Drittländern, die mit den USA in Wirtschaftsbeziehungen stehen, jede wirtschaftliche Tätigkeit in Kuba verbietet (z.B. Schweizer Banken).
Sicher aber ein riesiger Dank an Franco Cavalli, der mir diese Eindrücke ermöglichte!