«Mehr Solidarität, mehr soziale Sicherheit und eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen tun Not. Dafür setze ich mich weiterhin ein.»
Hildegard Fässler am 25. November 2011

Hildegard Fässler
 

Denken Frauen ökonomischer?

Nur ein Staat, der dafür sorgt, dass Arm und Reich nicht weiter auseinander driften, bietet auch für die Wirtschaft die wichtigste Rahmenbedingung, den sozialen Frieden.

Frau und Arbeit, Frau und Euro, Frau und Ökonomie:

In vielen Bildungsprogrammen findet man Kurse mit solchen Titeln. Sie erwecken den Eindruck von Widersprüchen, von Gegensätzen, die es zu überwinden gelte. Sie scheinen das (Vor-)Urteil zu bestätigen, Frauen verstünden nichts von Wirtschaft und müssten dementsprechend gefördert werden. Ich jedenfalls habe noch nie einen Kurs mit dem Titel «Mann und Ökonomie» angepriesen gefunden. Dass diese Wortpaare keine Gegensätze sind, wird sofort klar, wenn frau an einem solchen Kurs teilnimmt. Die Kompetenz, auf die sie dort in aller Regel stösst, spricht für sich!
Betrachtet man das neueste wirtschaftspolitische Massnahmenpaket der SP Schweiz, so stellt man fest, dass viele der Forderungen alte Postulate der Frauen sind. Heute wird klar, dass eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik nicht ohne deren Realisierung möglich ist. Dabei geht es nicht nur darum, mit diesen Massnahmen den Frauen bessere Bedingungen im lohnwirksamen Arbeitsbereich zu schaffen. Nein, gerade umgekehrt erweisen sich die Forderungen der Frauen als ökonomisch wirksam zugunsten aller, Frauen und Männer!
Hier ein paar Beispiele, die zeigen, dass sich die provokative Frage im Titel wohl nicht mit einem einfachen Nein beantworten lässt.

Sozialer Ausgleich

Der Satz «Nur ein finanziell gesunder Staat mit einer starken Wirtschaft ist ein sozialer Staat» gilt vor allem umgekehrt: Ein Staat, der dafür sorgt, dass Arm und Reich nicht weiter auseinander driften, dass ein gut funktionierendes Sozialnetz zur Sicherheit der Menschen beiträgt, nur ein solcher Staat bietet auch für die Wirtschaft die wichtigste Rahmenbedingung, den sozialen Frieden.

Recht auf Arbeit

In einer Gesellschaft, in der sich das Sozialprestige (noch) an der Lohnarbeit misst, müssen alle an dieser Arbeit teilhaben können. Diskriminierende Begriffe wie «Zweitverdienerinnen>, haben ausgedient. Die Umsetzung der Forderung nach gerechter Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit ist die Basis dazu. Alternative Arbeitszeitmodelle kommen den individuellen Lebensplänen von Frauen und Männern entgegen.

Bildung

Investitionen in Bildung und Weiterbildung auf allen Stufen tragen dazu bei, dass vermehrt auch Frauen es wagen, sich als Unternehmerinnen zu betätigen. Sie führen auch dazu, dass einerseits mehr innovative Ideen entwickelt werden und andererseits das Know-how dafür wächst, wie solche Ideen umgesetzt werden können.

Mehr Demokratie

Wie notwendig mehr Demokratie in der Wirtschaft ist, zeigt das (vorläufig) gescheiterte Projekt des MAI (Multinationales Abkommen über Investitionen) der OECD. Seine Verwirklichung hätte die demokratischen Spielregeln in vielen Ländern ausser Kraft gesetzt und die Interessen von multinationalen Unternehmen über die Interessen der Menschen in diesen Ländern gestellt.

Ökologie als Ökonomie

In einer im März erschienenen Prognos-Studie, weiche von Greenpeace in Auftrag gegeben worden war, bestätigen sich die Vermutungen ökologisch Interessierter, dass ökologisches Wirtschaften zu mehr Arbeitsplätzen führt. Nachhaltiges Wirtschaften, sorgsamer Umgang mit Energie und Material hat positive Beschäftigungseffekte.

10. Juni 1999